Donnerstag, 19. Januar 2012

Ufer

Fortgeschwemmt.
Die Taue sind gelöst.
Der Anker hochgezogen.

Wo der Mensch eben noch sicher stand,
treibt er jetzt umher,
wie eine lose Kugel auf dem Wasser.

„Ich habe Angst“, sagt die Angst,
als sie vor dem Spiegel steht.
Die Furcht vergrößert sie
und sie fürchtet sich vor dieser Größe,
dieser Vergrößerung durch sich selbst.

Nicht wissen was tun, nicht wissen wohin.
Keine Aufgabe für die Angst.
Keine für die Furcht.
Nicht jetzt.

Der Mensch ist ganz allein damit,
Ordnung in sich zu finden.
Ver-Ortung.

Die Angst erschöpft,
weil sie festhält.

.

Montag, 16. Januar 2012

Kafka's Landarzt





genau so muss es gewesen sein. oder so ähnlich.

Freitag, 6. Januar 2012

Die größte Schwäche, sagt Kafka

"Die größte Schwäche ist die Ungeduld."

(Franz Kafka, in seinen Notizbüchern)


.

nach all den jahren

sie klopfte an die gelbe tür
zupfte sich das haar zurecht
drehte sich um
malte ihre lippen rot
so sollte er sie sehen
genau so
sie sah ihn
wie er vor ihr gestanden hatte
damals
als die soldaten das laufen verlernt hatten
sie erinnerte sich an alles
an seine bewegungen
an jedes versprechen
sie lauschte
keine schritte
nur die vögel in den bäumen
sangen ein lied voller freude
sie kramte den zettel hervor
und verglich die geschriebenen zeilen
sie war hier richtig
sie klopfte erneut
und wartete
wartete
wartete
irgendwann ging sie
als die schritte leiser wurden
seufzte er
nun konnte er endlich schlafen gehen
sie war wirklich zu ihm gekommen


.
(antwortgedicht zu sturznests "es zeit")

Donnerstag, 5. Januar 2012

Glücklich sein

Willst du glücklich sein,
dann sei es.


(Leo Tolstoi)

Mittwoch, 4. Januar 2012

Mit dem Tod verhandeln

"Am Ende des Ganges, wo das Licht immer weniger wird, da können Sie unterschreiben." "Und wofür?" "Dass man ihren Sarg in die Wand schiebt. Zum Verbrennen." Schluck. Das muss ein Traum sein. Ich kneife mich. Autsch.

Die Sache mit der Sterblichkeit. Rot. Tot. Am Morgen aufwachen und nicht mehr aufwachen. Die Wäsche liegt noch da. Das Geschirr ist schmutzig. Das Tagebuch liegt aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch. Wer das nun lesen wird? Ich habe ein paar Tage darin eingeklebt. Und den Salat vom letzten Wochenende. Auch den Regen der letzten Woche. Es gibt Menschen, die räumen ihr ganzes Leben auf, sobald ihnen ihre Sterblichkeit bewusst wird. Weil sie niemandem trauen. Der Tod kommt trotzdem.

"Guten Tag, ich bin der Tod, ich möchte Sie abholen." "Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben sich in der Adresse geirrt." "Nein, ich bin hier richtig, ich soll Sie abholen."

Türenknallen. Verriegeln. Doppelt. Aufhören zu atmen, laut zu atmen. „Ich hab jetzt keine Zeit zum Sterben“, rufe ich. Gelächter vor der Tür, dass es mich schaudert. „Ich krieg dich schon“, kichert der Tod. „Ich weiß“, flüstere ich. Schritte auf dem Flur, nein, es ist mein Herzschlag. Ich rühre mich nicht, ich schüttle mich. Es nützt nichts. Ich bin genau hier und vor der Tür steht der Tod. Wartend. Kichernd. Mein Ohr folgt jedem Geräusch im Flur. Bald ist es einmal quer durch den Kopf gelaufen und einmal drum herum.

Es gibt kein Problem, aber heute habe ich eines: Der Tod kann lautlos gehen, es ist ein Gräuel. „Können wir verhandeln?“ frage ich den Tod. „Verhandeln? Du willst verhandeln? Worüber?“ „Gib mir noch etwas Zeit“, rufe ich. „Wie viel Zeit brauchst Du?“ fragt er. „Und wofür brauchst Du Zeit?“ „Ich möchte Gedichte schreiben“, sage ich, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch kein Gedicht geschrieben habe. „Papperlapapp. Du hattest Deine Zeit", reagiert er schroff. Doch dann lenkt er plötzlich ein, denn der Tod liebt Gedichte: "An welchem Gedicht schreibst Du grad?“ „An einem über den Tod“, lüge ich. "Lass es mich hören", bittet er mich. "Es ist noch nicht fertig", schiebe ich hinterher. „Also gut, lenkt der Tod ein, der sich geschmeichelt fühlt, "ich gebe dir noch etwas Zeit. Wie lange wirst Du brauchen, bis es fertig ist?“ „100 Jahre“.

Dann lachten wir aus unterschiedlichen Gründen und er sagte: „Bis bald“. „Take your time“, blies ich ihm hinterher und schloss schnell die Tür.

.

Montag, 2. Januar 2012

Frohes neues Jahr!

Begrüße das neue Jahr vertrauensvoll und ohne
Vorurteile, dann hast du es schon halb zum
Freunde gewonnen.

(Novalis)


Ich freue mich drauf! Schön, dass es Euch gibt!
Die besten Wünsche für 2012! Auf gehts! :-)

Donnerstag, 10. November 2011

fallbeilsätze oder die zauberküche des schicksals

I - der satz

er sprach seinen satz
der so eng war
dass ich die luft anhielt
(in dem moment hielt alles an)
ich hatte
keinen platz mehr zum atmen
keinen platz mehr
keinen platz mehr
keinen platz mehr

ich sank in mich zusammen
und wartete auf das ende
seiner worte
(und meins)
ich war eine verurteilte
die auf das fallbeil wartete
(ich hatte mich allein schuldig bekannt)

es war unmöglich zu flüchten
(ich wollte flüchten vor diesem moment)
etwas hielt mich fest
(es war nicht mein kopf)


II - die begegnung


zwei hoffnungsverlorene
erwachsene kinder
zwei mit demselben blick
zwei wartende
die sich trafen
zwei liebende
so sah ich uns

beim spaziergang im park
lachend in der küche
im bett
liebkosend
liebend
(ich sah uns überall
wir waren gut
füreinander)


III - sehnsucht

ich wollte bei dir sein
wollte dich bei mir haben
ich sehnte mich
nach dir
(so sehr)
nach mehr zeit für einander
mehr nähe
vielleicht war das ein fehler

aber vielleicht war auch alles so
wie es sein soll
und nichts ein fehler
(dauernd fühle ich mich schuldig)
sondern alles die zauberküche des schicksals
in deren töpfen unser leben zusammengeköchelt wurde


IV - abdriften


ich dachte
wir würden in dieselbe richtung blicken
vielleicht taten wir es auch
aber wir sahen nicht dasselbe

vielleicht sahen wir ja doch dasselbe
aber
vielleicht wollten wir nicht dasselbe
oder
vielleicht wollten wir doch dasselbe
aber
hatten nicht genügend kraft
(schlimm diese fragen)


V - chaos


alles brach zusammen
mit unseren sätzen
alles baute sich auf
mit unseren sätzen
und jetzt endete alles
mit sätzen
bevor alles
ohne sätze weiter ging

es war noch nicht zuende
es kamen gefühle (und gedanken) hoch
die wir uns erlaubten
dem anderen erlaubten

und es kamen gefühle (und gedanken) hoch
die wir uns nicht erlaubten
und dem anderen nicht
(es tat zu weh)

wir stießen unsere herzen
an vorstellungen
und vergaßen die liebe
ach nein
die liebe war es nicht
oder war sie es doch


VI - das schwanken

mein herz schlug für dich
mein sehnsucht suchte dich
und doch lief auch ich fort
(ich hatte angst)
und doch zweifelte ich auch
und doch schwankte ich
wie es alle tun
bevor sie sich ganz hingeben können
und vielleicht
hört das schwanken auch nie auf

wir schwankten
wie alte kähne im unsicheren hafen
der gefühle

wir schwankten
rissen uns los
fuhren aufs meer
und warfen unsere anker

wir warfen unsere anker
und warteten
ohne zu wissen worauf
vielleicht
weil wir es gewohnt waren
zu warten

wir warteten
und schliefen
zu oft
zu lange

und der andere war stets
in unseren gedanken

(war es nicht so?)


VII - wartende kopflose herzen

auch jetzt
angesichts des fallbeils
warte ich noch
warten wir noch
ohne es zu wollen

dabei
haben wir unsere köpfe
längst selbst abgeschlagen
damals
als wir die hoffnung aus uns herausprügelten
weil es keine mehr für uns gab
es gab keinen grund mehr zu hoffen
(das haben wir schon vor jahren beschlossen)
keinen grund mehr zu glauben
dass wir etwas zählen könnten
für jemanden
was zählte?
wir er-zählten
zahlten
und gingen


VIII - die stunden vor dem abschied

wir zählten die stunden
die tage
wir zählten die minuten bis zu unserem abschied

wir wussten nicht
wer wen zuerst verlassen würde
(einen gedanken haben hoffnungslose immer:
dass es zuende gehen wird)

alles was einen anfang hat
hat auch ein ende
(das war sicher)
daran klammerten wir uns
daran klammern wir uns
in unserem schwanken
in unserem schweigen
in unserem schwelgen
in unserem hoffen
ja
auch du hast gehofft

manchmal will man es nicht mehr wissen
aber vielleicht
hat man es auch vergessen
(manche üben das vergessen indem sie alles
klein falten)


IX - auf der bühne

du stehst immer noch auf der bühne
ich stehe neben dir
doch wir sehen uns nicht mehr an
(ich halte deine hand
spürst du sie?)
wir haben unsere ohren gespitzt
und wollen alles wissen


X - loslassen


wir haben noch nicht ganz losgelassen
(es geht nicht so schnell)
wir springen hin und her
wie frösche von einem blatt zum nächsten
und manchmal legen wir ein blatt ab
heften es ab
und schreiben
erledigt
darauf

um einen tag später
(nein
es sind nicht die tage
es sind die nächte)
wieder den hefter zu öffnen und hinein zu schauen
als hätten wir eine frage noch nicht beantwortet
die uns festhält

nichts hält uns fest
wir haben den anderen nicht nötig
wir haben nichts nötig
nur unseren schlaf

und so schlafen wir durch die tage
durch unsere fragen
durch die tage und nächte
die uns nicht mehr gehören
und schieben alles hinweg
was war
und warten und hoffen nicht mehr
(wir wollen nur noch schlafen)


XI - glücklich im traum


im traum passiert alles ganz einfach
ohne warten ohne hoffen
da gibt es kein warten
da gibt es kein zweifeln
da gibt es nur den augenblick
und so träumen wir
uns in eine bessere zeit
in bessere arme
in bessere gelegenheiten
wir träumen

ich träume
und deine augen gucken mich an
ich nehme deine hand
du hältst mich fest
ich träume

wir träumen
von einer besseren vergangenheit
wir träumen
von besseren umständen
wir träumen davon
auszubrechen

nein
wir träumen nicht mehr
wir wissen
träume tun nur weh
wir wollen keinen schmerz mehr
das ist sicher
wir sind sicher
in unserem wissen
und schwanken


XII - das unsichere


nichts ist sicher
nicht mal unser atmen
aber wir machen weiter
weil wir weiter atmen

es tut gut zu atmen
es tut gut zu spüren
dass es weiter geht
weil es immer weiter geht
bis es nicht mehr weiter geht
aber selbst dann geht es weiter
solange wir atmen

und manchmal
erinnern wir uns
und warten wieder
obwohl wir nicht mehr warten wollen
obwohl wir die hoffnung längst begraben haben
obwohl wir erkannt haben dass alles hoffen keinen sinn hat
noch nie

schon immer
warten wir
auf unsere gelegenheit
so wie ich nun auf das fallbeil warte
das längst gefallen ist

alles akte des abschieds
des abschiednehmens
akte
den anderen los zu lassen
der ja so furchtbar war
ja
ganz furchtbar
und fehlerhaft
wie eine kaputte maschine

ja
kaputt
ist ein wort das passt

und doch ist alles ganz
ganz anders
als wir dachten
(denken kann man viel)
gedanken
führen nur in die irre


XIII - irre


und da sind wir dauernd
in der irre
irren wir

ich habe mich nicht geirrt
in dir
ich denke oft an dich
und deine worte und gesten
an deine hände
(deine schönen hände)
du fehlst mir

manchmal lege ich mir nach dem aufwachen
deine sonnenworte auf die zunge
um dich noch einmal zu spüren.
noch einmal zu spüren

wir haben uns berührt
das ist das wichtigste
und vielleicht gibt es irgendwann etwas

eine einsicht
ein verzeihen
eine liebe
einen abschied
oder was auch immer

bis dahin machen wir
einfach weiter
und atmen
atmen
atmen
irren
irren
irren
atmen
atmen
atmen

Dienstag, 8. November 2011

Fühlbar

Die Worte
aus deinem Mund
klirren
wenn sie
fallen

weil sie nicht echt sind.

Wie kleine Eispickel
durchstoßen sie
Mich -

Fort
von dir.

.

Donnerstag, 3. November 2011

Unterwegs mit Kafka

Ich lege Geld in die Schublade. Der Mann zieht sie zu sich. Jemand legt mir ein Ticket hin. Übersee. Ein Mann mit Hut nickt mir zu. Ist das Kafka? Wir setzen über auf die andere Seite.
Das Meer ist unruhiger als ich dachte. Ich schiebe meine Hand ins Wasser. Kafka. Er ist es. Ich stelle einen Fuß schräg. Er lacht. „Komm“, sagt er, als spräche er zu einer Vertrauten.
„Ich weiß alles“, sagt er. „Das macht es einfacher“, sage ich.
Mit Kafka unterwegs.
Ich reise nach Istanbul. Kafka ist dabei. Zwei Fische kommen vorbei und sagen "Guten Tag." Es riecht nach Markt.
Ich öffne das Küchenfenster. Kafka hat sich keine Zigarette angezündet. Ich setze mich hin und warte auf Geschichten.
„Gib mir Deine Telefonnummer“, bittet er. „Ich höre immer noch Schallplatten“, antworte ich. „Bing Crosby“. Ich habe nicht eine einzige Platte von Bing Crosby. Singt der überhaupt?
Selbstgespräche.
Die Fische sind eingewickelt in Zeitungspapier. Die Annoncen kann man auf ihren Schuppen lesen: Suche Haus am See, auf der linken Seite des Fisches. Aquarium günstig zu verkaufen auf der anderen.
Gleich gehen wir ins Restaurant. Die Fische verabschiede ich. Sie haben noch einen Termin beim Dermatologen.
"Kafka, kommst du mit ans Meer?" frage ich. "Ja", antwortet er und nimmt meine Hand. Angekommen. Ich befinde mich in der dritten Etage des Parkhauses, im Traum oder wo?
„Du bist mit mir und ich mit dir“ sagt ein Mann am Nebentisch. „Wie kitschig“, denke ich. „Sagst du es mir mal?“
Ein Floh im Ohr. Er krabbelt heraus, setzt sich auf den Hund, springt zur Katze. Übermütig. Ich bin übermütig. Kafka bestellt uns einen Kaffee. Gleich kommt das Flugzeug und dann besuchen wir Orhan Pamuk.

Mittwoch, 2. November 2011

Bordsteingeschichten

Ein Stock auf dem Gehsteig denkt: Warum liege ich hier herum?
Ein Gehsteig denkt: Warum kratzt mich der Stock im Ohr, spinnt der?
Das Ohr denkt: Das kitzelt aber schön.
Der Wind denkt: Den Stock blas ich übern Gehsteig.
Der Mensch denkt: Es fühlt sich an, als wäre ich nicht allein.


.

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SehnsuchtistmeineFarbe - 22. Jan, 18:20
*gg*
dichter der ätsche. *g* ich habe gerade mal nachgeschaut....
SehnsuchtistmeineFarbe - 22. Jan, 18:13
Ja klar Dichter der Ärsche....:-) Nein. ..
Ja klar Dichter der Ärsche....:-) Nein hast...
Sturznest - 22. Jan, 18:06
heisst es:
dichter der ätsche? ich schau mal wg. andré...
SehnsuchtistmeineFarbe - 22. Jan, 18:04
magst ein gedicht von...
magst ein gedicht von andre du bouchet posten?
Sturznest - 22. Jan, 17:34
während ich wartete,...
während ich wartete, dass die Sonne hinter dem...
Sturznest - 22. Jan, 17:31
ich setze es auf meine
kaufliste. dichtschreibende dichter mag ich. *g* mir...
SehnsuchtistmeineFarbe - 22. Jan, 17:08
danke bon, das freut
mich, dass es dir gefällt. ich glaube, das beste,...
SehnsuchtistmeineFarbe - 22. Jan, 17:04

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